Two Creek Ranch, Wyoming

Sieben Tage Viehtrieb in Wyoming -
Einmal im Leben Cowboy spielen! (Oktober 2000)


1. Tag
Einmal in meinem Leben wollte ich Cowboy spielen. Und so machte ich mich, weiblich und alleinreisend, auf den weiten Weg nach Wyoming, um am längsten Cattle-Drive, dem Herbst-Marathon-Viehtrieb der Two Creek Ranch teilzunehmen. 952 (!) Rinder sollten innerhalb einer Woche über eine Strecke von 120 Kilometern von den Winterweiden auf die Sommerweiden getrieben werden. Doch wie so oft im Leben kommt es ganz anders, als man denkt…

Ankunft
Trotz 20 Stunden Anreise stehe ich topfit vor Aufregung am Flughafen von Casper in Wyoming. Cowboys auf buckelnden Broncos blicken von den Wänden auf mich herunter. Ohne Zweifel, hier bin ich im "real Cowboy Country". Eine schwere Hand legt sich auf meine Schulter: "You must be Simone from Germany", begrüßt mich der dicke, bärtige Alt-Cowboy Tim, ein Freund der Rancher-Familie, und lädt mich in seinen Truck. Er wird mich zur Two Creek Ranch bringen.

Raue Bedingungen in Wyoming
Vorbei geht es an weißen Fertighaussiedlungen und kaputten Trailer-Homes. Verloren liegen sie in der platten, ausgedörrten Landschaft. Weit und breit kein Baum, kein Busch, dafür endlose, dürre Weite. 20.000 Rinder und noch mal die gleiche Anzahl Schafe konkurrieren, trotz der riesigen Weideflächen, um jeden Halm. "Wenn hier der Wind drüberfegt, gibt es kein Halten", sagt Tim. "Die nächsten Tage werdet ihr eine Menge Wind haben", sagt er aufmunternd. "Im Wetterbericht haben sie einen Schneesturm angekündigt." Mit einem Blick in den Rückspiegel vergewissert er sich, ob seine Botschaft bei mir den entsprechenden Eindruck gemacht hat. Ich lächle tapfer und denke voller Dankbarkeit an die Wärmflasche und meinen Sattelüberzug aus Lammfell, die ich in letzter Minute eingepackt habe.

Erster Tag auf der Two Creek Ranch
Eine löchrige Sandpiste bringt uns eineinhalb Stunden später zur Two Creek Ranch, einer echten Working Cattle Ranch. Mit einem knappen "Hi and help yourself" schickt mich Nancy (58), die rundliche Rancherfrau, auf Bettensuche. Das, was ich vorfinde, erinnert eher an Hängematten als an Betten. Kurzerhand zerre ich die Matratze - meinem Rücken zuliebe -auf den Boden. Schließlich will ich mich nicht schon ruinieren, bevor es richtig losgeht. Beim Abendessen lerne ich die anderen "Cowboys auf Zeit" kennen. Wir sind ein nettes Team, bestehend aus vier Amerikanern und vier Deutschen, die alle so verrückt sind, dass sie dafür bezahlen, hart arbeiten zu dürfen.

2. Tag
Unterwegs zum ersten Cow Camp auf den Laramie Plains, "The Little House in the Prairie"
Ich komme mir vor wie eine Pioniersfrau auf dem Oregon Trail, die auszieht, um den Westen zu besiedeln. In einer langen Karawane, bestehend aus drei Wohntrailern und zwei Toilettenhäuschen (auch Cowboys müssen mal!), schrauben wir uns mit röhrenden Motoren langsam auf die in 2300 m Höhe liegenden Laramie Plains hoch. Verdammt kalt ist es hier oben. Von dieser Hochebene aus werden wir im Laufe unseres Cattle-Drive 952 Rinder einsammeln. In sieben Tagen sollen wir sie vollzählig (!) auf die 120 Kilometer entfernten, tiefer gelegenen Douglas Meadows treiben. Im Fachjargon heißt das "Round-Up", auf gut deutsch heißt das "Wahnsinn"! Acht Greenhorns und nur zwei professionelle Cowboys sollen die Rinder im Griff haben. Mir wird ein bisschen übel!

Das erste Cow-Camp: Am Horizont erscheint ein weißer Punkt mit rotem Deckel. Das kleine Häuschen ist unser erstes Cow-Camp. Es steht "Right in the Middle of Nowhere" und wird unsere letzte Nacht in geheizten Räumen sein. Am nächsten Morgen soll es endlich losgehen - zu Pferd. Nur wo sind die Pferde? Da bildet sich in der Ferne eine Staubwolke. Dichter werdend rollt sie auf uns zu. Jetzt hören wir sie. Hämmernde Hufe auf hartem, trockenem Boden. Es muss eine Herde wilder Mustangs sein. Paints, Apaloosas, Braune und Füchse mit wehenden Mähnen und geblähten Nüstern lösen sich aus ihr und fliegen im gestreckten Galopp direkt auf den geöffneten Corral zu. Hinter ihnen taucht Dennis auf, Besitzer der Two Creek Ranch und für die nächsten Tage unser Boss. Die wilden Mustangs entpuppen sich als unsere Reitpferde.

Reitvermögen der Teilnehmer: Bei einem ersten Ausflug checkt der Boss unser reiterliches Sitzvermögen. Hans, der Wahl-New-Yorker, ist ein Bild des Jammers. Besorgniserregend rutscht er im Sattel hin und her. Als sein Pferd anfängt zu traben, hält er sich fluchend mit der einen Hand am Sattelhorn fest, mit der anderen reißt er seinem Pferd willkürlich im Maul herum. Seine kleine Paint-Stute wirft den Kopf hoch und rollt mit den Augen. Hilfesuchend sehen wir uns nach Dennis um. Doch ihn lässt die Szene kalt. Sein einziger Kommentar: "The horse will take care of him."

Die ersten Rinder werden gefangen: Dennis teilt die Gruppe auf. Ulli und ich suchen den Zaun nach Rindern ab und treiben sie den anderen Cowboys zu. Am Ende haben wir eine schmucke, braune Herde zusammen, die trotz des dürren Grases erstaunlich wohlgenährt aussieht. Am Tor zum nächsten Weidegebiet wartet Dennis auf uns. Er zählt 92 Rinder. Morgen werden wir von hier aus weitere Rinder einsammeln.

3. Tag
Kompass gegen Boss: Nach dem typisch amerikanischem Frühstück mit Ham and Eggs schwingen wir uns auf die Pferde. Ich reite den braunen Wallach Rebel, der zum Glück nichts Rebellisches an sich hat.

Richtungsweisung: Bob und ich sammeln ein paar Rinder ein und treiben sie der Hauptherde zu. Hilflos hoppelt Bob auf seinem Pferd herum. Irgendwie schafft er es trotzdem oben zu bleiben. Schnell hat er seinen Spitznamen "Bouncing Bob" weg. Gegen den Wind und lautes Gemuhe brüllt uns der Boss die Richtung zu, in die wir die Herde bringen sollen. "Go North-West" brüllt er noch mal und zeigt mit dem Arm in eine Richtung, die sich auflöst in einer unendlichen Weite, die dem Auge kaum Orientierungspunkte bietet. Und schon ist Dennis wieder weg, unterwegs zur nächsten Kuhtruppe.

Anwenundung des Kompass: Bouncing Bob ist froh, endlich seinen Kompass zur Anwendung bringen zu können. "North-West" sagt er mit pfadfinderischem Stolz und zeigt glücklich in eine andere Richtung als Dennis. "Aber bei Dennis …", wende ich ein, "sah die Richtung irgendwie mehr so aus." Unsicher wedele ich mit meinem Arm in eine andere Richtung des Horizonts. Bouncing Bob lächelt mich triumphierend an: "He said North-West, darling." Also wird die ganze Kuhherde Richtung North-West gewendet. Wir kommen uns vor wie echte Cowboys. Alles unter Kontrolle, keine Kuh traut sich aufzumucken. Noch sonnen wir uns in dem Gefühl einen wirklich guten Job zu machen. Da erkennen wir am Horizont einen staubaufwirbelnden Punkt, der schnell auf uns zurast. Wie ein Derwisch knallt uns Dennis laut fluchend entgegen. "Goddamnit! Where are you going?" - "North-West" brüllt Bouncing-Bob zurück. Dennis nimmt keine Notiz von ihm. "I told you to go there", schimpft er und zeigt wieder mit dem Arm in eine Richtung am fernen Horizont.

Wie die ersten Pioniere: Unwillkürlich denke ich an die ersten Einwanderer vor 200 Jahren, die sich auf den mühsamen und gefahrenreichen Weg von Osten nach Westen machten. Sieben Tote pro Meile waren der Tribut, den die ersten mutigen Pioniere an diese unwirtliche Gegend zahlten. Kaum Wasser, kaum Vegetation, kaum Schutz. Hilflos den Launen der Natur ausgesetzt. Kein Wunder, dass Wyoming auch heute noch der am dünnsten besiedelte Staat Amerikas ist. Nur 450.000 Menschen leben auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie Deutschland.

Die erste Nacht im ungeheizten Trailer: Als das letzte Tageslicht erlischt, haben wir 20 Kilometer hinter uns und 252 Rinder aufgesammelt. Sie verteilen sich zusammen mit unseren Pferden frei um unser Cow-Camp, das aus drei Trailern besteht. Der Boss verschwindet in seinem geheizten Trailer. Uns ist das leider nicht möglich. Denn in unseren Trailern ist die Heizung kaputt und so empfangen uns nur kleine Frostblumen. Bei nächtlichen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sammeln wir uns deshalb bibbernd um das Lagerfeuer, die einzige Wärmequelle. Gierig halte ich meine Stiefel übers Feuer. Erst als es nach angeschmorten Gummisohlen riecht und meine Stiefel zu dampfen anfangen, spüre ich meine halb erfrorenen Füße wieder.

Lieber nicht am Lagerfeuer: Bouncing Bob, Juan, der kleine Mexikaner und Hans wagen es, am Lagerfeuer zu schlafen. Mit einem trotzigen "We like it the hard way" kriechen sie in ihre Schlafsäcke. Ich ziehe den Trailer vor. Gegen die Kälte wappne ich mich mit meiner Wärmflasche und einem Schlafsack, der laut Katalog bis minus 20 Grad nicht schlappmachen soll. Es dauert lange, bis ich einschlafe. Ich muss mich an die Schlafgeräusche von Arthur und Ulli gewöhnen. Endlich tauche ich weg.

Ein Monster am Trailer: In meinen Träumen schaukelt der Trailer. Ich fühle mich geborgen wie in Mamas Wiege. Das Schaukeln wird immer stärker, so stark, dass ich mit meinem Nylonschlafsack auf der Gummimatratze hin und her rutsche. Schlaftrunken blinzele ich durch das Fenster und finde mich Auge in Auge mit einem glotzäugigen Monster. Nach den ersten Schrecksekunden klappe ich meinen zum stummen Schrei aufgerissenen Mund wieder zu. Kein Monster, nur eine Kuh! Eine Kuh, die sich an unserem Trailer genüsslich den Rücken schubbert. Ulli und Arthur drehen sich grunzend um. Alles in Ordnung. Erleichtert fummele ich mich in meinen Schlafsack zurück.

4. Tag
Nat bricht sich das Handgelenk:
Morgens kann ich mit meinem Atem viele Rauchzeichen machen. Fröstelnd schlurfe ich durch ein paar Kuhfladen hindurch auf unser Klo auf Rädern. Nach ein paar Spritzern Mineralwasser und Zähneputzen bin ich fit.

Round-Up: Heute haben wir die längste Etappe vor uns. 25 Meilen. Der morgendliche Round-up bringt richtig Spaß. Die Kühe, die sich weitläufig im Gelände verteilt haben, müssen zusammengetrieben werden. Endlich wird die Landschaft abwechslungsreicher, aber damit auch schwieriger. Im Unterholz und zwischen den Senken der sich sanft wölbenden Prärie sind die Rinder kaum zu sehen. Nach beinahe zwei Stunden bin ich schweißgebadet.

Nat fällt vom Pferd: Da prescht George im vollen Galopp auf uns zu. Von weitem brüllt er: "Nat ist vom Pferd gefallen. Seine Hand hängt komisch runter." Dennis verzieht keine Miene. Nüchtern sagt er: "He probably broke his wrist." Ulli und Bouncing Bob kommen angetrabt. "Was ist passiert?" wollen sie wissen. "Oh, nothing bad, Nat broke his wrist." Nats Arm wird mit Hilfe von Ilkas "Erste Hilfe Kiste" notdürftig stabilisiert. Ich bin froh, dass ich nicht in Nats Haut stecke. Denn bis er endlich in das zwei Stunden entfernte Dorf-Krankenhaus nach Douglas kann, dauert es.

Präriehunde-Löcher sind tückisch: Dennis' Fernprognose von Nats Missgeschick war, wie sich später herausstellt, richtig. Nat hatte sich tatsächlich das Handgelenk gebrochen. Es passiert ihm beim Aufsitzen auf sein Pferd. Es wollte nicht stillstehen, Nat stolperte und fiel mit seiner Hand in eines der vielen Präriehunde-Löcher. So schnell kann's gehen. Nur gut, dass die Pferde, dank ihrer Aufmerksamkeit und Trittsicherheit, selbst im rasanten Galopp, nie in diese Löcher treten. Dafür fällt der Galopp oft wie das Zickzackmuster einer Nähmaschine aus.

Rancher sind eine ander Gattung Mensch: Spätestens nach diesem Vorfall wird mir klar, dass ein echter Cowboy und eine echte Rancherfrau einer anderen Gattung Mensch angehören. Sie haben sich der kargen Landschaft, die nichts umsonst preisgibt und die ihnen ein ungewöhnlich hartes Leben aufzwingt, angepasst. Für Mitleid oder Wehleidigkeit ist kein Platz. Nur wer cool bleibt und mit seinen Kräften haushält, kann hier überleben.

5. Tag
500 Rinder nehmen reiß aus:
Unsere Herde wird immer größer. Bei der nächsten Zählung sind es bereits 750!

750 Rinder: Aus den sanften Hügeln werden schroffe, zerklüftete Felsen. 750 Rinder sammeln sich vor einem Canyon. Über den Wind, das Muhen der Muttertiere und das klägliche Blöken der Kälber, die ihre Mütter in der Menge verloren haben, ist Dennis kaum zu hören. Er schreit mir zu: "Jeder soll einzeln mit 100 Kühen durch den Canyon durch!" Noch während ich für die anderen, deren Englisch nicht cattle-drive-tauglich ist, übersetze, treibt Dennis den ersten Schwung Rindviecher durch das Gate. Hektisch brüllt er mich an: "Go, go, you're gonna loose your cattle!" Was bleibt mir anderes übrig, ich muss hinterher.

Chaos bricht aus: Hinter mir ratlose Gesichter, unruhige Kühe. Eine Kuh entschließt sich, ihren eigenen Ideen zu folgen und bricht aus. Hatte sie da hinten, hinter dem Hügel nicht ein paar fette Grashalme gesehen?! Eine zweite Kuh, eine dritte und vierte finden die Idee auch gut. Zielstrebig brechen sie durchs Unterholz. Bewegung kommt in die Herde und dann bricht aus heiterem Himmel das Chaos los. 450 Rinder rennen in alle Richtungen davon. Fluchend und schreiend versuchen Ilka, George und Bouncing Bob die störrischen Viecher zur Umkehr zu bewegen. Doch wie heißt es bei Murphy: Wenn etwas schief geht, dann richtig! Bergauf, bergab, zu Pferd und da wo das Unterholz zu dicht ist, auch zu Fuß, die Pferde hinter sich herschleifend sind die drei hinter den Rindern her. Der Rest der Gruppe kann nicht helfen. Sie sind mit ihren eigenen Rindviechern beschäftigt.
Ilka ist kurz davor, in Tränen auszubrechen. Was wird Dennis mit ihnen anstellen, wenn sie die Rinder nicht wieder zusammen bekommen!

Geschafft: Drei Stunden später haben sie es endlich geschafft. 450 Rinder traben durch den Canyon. Dennis' Kommentar: "Goddammit. They don't know what they're doing." Abends, im Cow-Camp herrscht dicke Luft. Dennis ist sauer, die Gäste auch. Nach ihrem Empfinden haben sie heute ihr Bestes gegeben. Sicher, sie haben die Rinder verloren, aber sie haben sie auch wieder zusammenbekommen. Sie haben sich für Dennis den Hintern wundgeritten, sind heiser vom vielen Brüllen und zum Umfallen müde - und dann noch ein Rüffel vom Boss. Lustlosigkeit ist spürbar. Hans motzt: "Ich kann bald keine Kuhärsche mehr sehen!" Tja, hier wird nichts geschönt, hier bekommen wir das ganz normale Leben einer Working Ranch mit. Viele unter uns begraben spätestens an diesem Abend ihr Bild vom romantischen Leben eines Cowboys.

6. und 7. Tag
Almabtrieb und Abschied

6. Tag: "Almabtrieb": Das Schlimmste ist vorbei. Das offene Land wird von einer Straße durchtrennt und ist rechts und links durch einen Zaun begrenzt. Unser Cattle-Drive ist jetzt ein Almabtrieb zu Pferd. Es kann nichts mehr passieren. Dennis entspannt sich zusehends. Sogar sein Enkel Blake (9) darf ab hier mitreiten. Abends zeigt uns Charles, ein Freund der Familie, wie man mit dem Rope umgeht. Dennis' Enkel Blake übt eifrig. Charles spielt die Kuh, die Blake ropen muss. Zum ersten Mal sehe ich Dennis, ganz stolzer Großvater, übers ganze Gesicht strahlen.

7.Tag: Abschied: Nach sieben Tagen und im Schnitt 10 Stunden im Sattel bringen wir 952 Rinder nach Hause auf die Two Creek Ranch. Überrascht nehme ich zur Kenntnis, dass wir keine einzige Kuh verloren haben. Vielleicht waren die Holiday-Cowboys doch nicht so schlecht?!
Damit geht der längste angebotene Cattle-Drive und auch ein großes Abenteuer zu Ende. Die grenzenlose Freiheit der Prärie und die Verbundenheit mit Pferd und Rind habe ich mit nach Hause genommen. Die Sehnsucht auf ein neues Abenteuer ist geblieben. Und deshalb werde ich es nächstes Jahr wieder wagen, wieder ganz alleine. Dann vielleicht auf einer Ranch in New Mexico - oder wie wär's mit Montana?

Simone


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